New Work nach Frithjof Bergmann – Ein Praxistest

Die Vision von Frithjof Bergmann, dem geistigen Vater der New Work Bewegung, ist es Arbeit vom Lohnsystem zu entkoppeln und frei leben zu lernen.

Und da geht es ja schon mal los: Sind wir überhaupt in der Lage frei zu leben und wollen wir das überhaupt? Ist das am Ende nicht doch etwas zu viel der Selbstverantwortung? In der Theorie klingt das ja alles sehr romantisch. Doch vor die Wahl gestellt, stürzen sich die wenigsten Menschen auf eine Arbeitsstelle, die lediglich ihre Fixkosten deckt, um sich in der restlichen Zeit ausgiebig selbst zu verwirklichen. Sicherheit beruhigt. Und auf den Stress der Unsicherheit können viele in Anbetracht eines sowieso schon sehr herausfordernden (Arbeits-) Lebens verständlicherweise gut verzichten.

Da mein persönlicher Freiheitsdrang überdurchschnittlich hoch und das Sicherheitsbedürfnis bei mir wohl eher unterdurchschnittlich ausgeprägt ist, habe ich es versucht. Motiviert durch einen inspirierenden persönlichen Austausch mit Frithjof und meinen Burnout habe ich mich vom Gedanken des kapitalistischen Systems verabschiedet und mich aufgemacht, um neue Wege für mich zu entdecken.

An dieser Stelle sollte ich vielleicht einräumen, dass ich im Prinzip schon sehr oft und sehr gerne neue Wege für mich entdecke. Das klassische 9-5 Job Modell galt für mich sowieso noch nie und nach 2-4 Jahren habe ich mich stets verändert. Aber trotz Selbstständigkeit war mir mein Arbeitsalltag zu eng. Ich wünschte mir ein Modell weg von höher-schneller-weiter, dass aber dennoch so ertragreich ist, dass ich mein Leben spannend gestalten, Seminare besuchen, Reisen unternehmen und Spaß haben kann. Und vor allem wollte ich dabei gesund bleiben.

Zeit umzudenken

Da Frithjof auch empfiehlt, eine Form moderner Selbstversorger zu sein, habe ich erst einmal damit begonnen, zu lernen, meine Nahrung selbst anzubauen. Durch meinen Burnout war ich geistig sowieso zu nichts anderem in der Lage und die Vorstellung nach 15 Jahren Medien- und Bildungsbranche meine Tage von nun an im Freien auf einem Acker zu verbringen, hat mich schlichtweg begeistert.

Kristine Rühl und Karoline Widur beim Aufbau der SoLaWi Chiemgau – © Privat

So habe ich mich in das Projekt meiner Tante Biene eingeklinkt und zwei Jahre lang als Co-Initiatorin die „SoLaWi Chiemgau“ mit aufgebaut. Ein wahrlich tolles und zukunftsträchtiges Projekt! In dieser Zeit habe ich die ebenfalls von Frithjof erwähnte „Wirtschaft des minimalen Kaufens“ recht authentisch gelebt. Ich habe besser nähen gelernt, meine alten Klamotten abgeändert oder upgecycelt, habe mich von etlichen, bis dato für mich selbstverständlichen Konsumgütern verabschiedet und vieles im System grundsätzlich hinterfragt. Die Leute sahen mich als einen alternativen Aussteiger. Ich sah mich eher als Forscherin, die sich zwar mit vielem, aber längst nicht mit allem in diesem Lebensstil identifizieren konnte. Ich war zu Gast in dieser Welt, um mir Impulse zu besorgen, um meine eigene Welt neu zu kreieren.

Das größte persönliche Learning, dass ich aus dieser Zeit gezogen habe, ist ganz klar die Erkenntnis, dass ich die Natur um mich herum und Bewegung brauche. Und zwar viel und oft. Es stand also fest: Was ich wirklich, wirklich will, ist körperlich in der Natur zu arbeiten. Allerdings fehlten mir – sobald sich mein Gehirn etwas regeneriert hatte – meine intellektuelle Arbeit und sogar die Businesswelt sehr. Ich wollte wieder mit Mensch arbeiten. Ich wollte Konzepte und Seminare entwickeln, Neues lernen und in der Welt unterwegs sein. Das war also die Grundlage für mein neues Arbeitsmodell.

Ein neues Modell

Als Coach und Beraterin unterstütze ich High Performer, Führungskräfte und Teams dabei, ihr Selbst- und Zeitmanagement zu optimieren, so dass sie dauerhaft leistungsfähig und gesund bleiben. Hier kann ich viele Dinge tun, die mir riesig Spaß machen und die meinen Fähigkeiten entsprechen. Vor allem kann ich mich vollkommen in kreativen Prozessen verlieren und andere motivieren. Das beglückt mich sehr.

Karoline Widur Coaching & Consulting © Cristina Galler Photography

Als Trainerin und Tagesverantwortliche im Kletterwald bin ich den ganzen Tag im Wald unterwegs, steige auf Bäume, seile Menschen ab, motiviere diese, über ihre eigenen Grenzen hinaus zu gehen und gehe auch sehr oft selbst über meine eigenen. Ich koordiniere das Team und kümmere mich darum, dass mehrere hundert Menschen an diesem Tag ein schönes Erlebnis haben.

Karoline Widur bei der Arbeit im Kletterwald Prien © Privat

Ich baue immer noch selbst Gemüse an und führe in den Augen vieler Menschen ein recht minimalistisches und vielleicht auch oft unbequemes Leben, allerdings bin ich weit davon entfernt ein Selbstversorger zu sein.

Was habe ich im Laufe der Jahre gelernt?

Learning 1: Ein „Brotjob“ der mich glücklich macht – emotional und finanziell

Dass auch die Hauptarbeit den persönlichen Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechen sollte, das hat Frithjof so nicht auf der Agenda. Doch alles, was ich tue, tue ich aus vollstem Herzen. Aus allem was ich tue, ziehe ich Energie. Und für mich sollte das in einer neuen Arbeitswelt auch eine Selbstverständlichkeit sein. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es für jeden von uns etwas zu tun gibt, dass ihm auch liegt und ein gewisses Maß an Befriedigung beschert. Natürlich gibt es in jeder Tätigkeit auch viele Aufgaben, die schlichtweg diszipliniert erledigt gehören. Aber wenn sie dem richtigen Sinn dienen, dann haben sie trotzdem energetisierendes Potenzial. Natürlich sollte der finanzielle Aspekt hier nicht vergessen werden. Denn wie ich ebenfalls in meinen SoLaWi-Jahren lernen durfte: Auch der edelste Job macht dich auf Dauer nicht glücklich, wenn du nicht genug Geld damit verdienst, um dir dein Leben nach deinen Vorstellungen zu gestalten.

Learning 2: Verschiedene Jobs für verschiedene Bedürfnisse

Ein Hauptgrund, warum das ganze Modell für mich so gut funktioniert liegt wohl darin, dass meine Tätigkeiten mich dabei unterstützen, in Balance zu bleiben und mir die für mich so wichtige Abwechslung bieten. Intellektuelle Herausforderungen und psychische Belastungen lassen sich für mich gut handeln, weil ich regelmäßig für körperlichen Ausgleich und Zeit in der Natur sorge. Die Tätigkeit im Kletterwald gibt meiner Zeit im Freien und meinem körperlichen Training einen tieferen Sinn, der weit über sportliche Betätigung zur Gesundheitsprävention hinausgeht. Auf der anderen Seite würde mir im Kletterwald, wie ich weiß, schnell langweilig werden, wenn ich zusätzlich keiner geistig stimulierenden Tätigkeit nachgehen würde. 

Learning 3: Maximale Flexibilität in der Planung

Ein weiterer Erfolgsfaktor meines persönlichen New-Work-Konzepts ist eine hohe Flexibilität. Meine Selbstständigkeit und ein sehr flexibles Schichtsystem versetzen mich in die glückliche Lage, sowohl zeitlich als auch wirtschaftlich ganz nach meinen persönlichen Vorstellungen zu planen. Ich bin niemandem verpflichtet, außer mir selbst und muss mich an keinerlei externe Vorgaben halten. Ich habe immer die Wahl wie, wo und wann ich arbeiten möchte. Von November bis März ist der Kletterwald geschlossen. Im Winter ist es sowieso sehr anstrengend für mich, dauerhaft im Freien zu arbeiten, darum kann ich mich auf die längeren Tage im Büro dann umso mehr freuen. 

FAZIT

Ich empfinde es als überaus bereichernd, nicht nur einen Job zu haben. Die verschiedenen Arbeitsumfelder, Positionen und Tätigkeiten veranlassen mich dazu, die Welt permanent aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und treiben mich auf unterschiedlichste Weise aus meiner Komfortzone. Das weckt nicht nur Demut und Dankbarkeit in mir, sondern inspiriert mich auf eine ganzheitliche Weise von der ich sehr profitiere. Auch wenn es mit Sicherheit anstrengender und aufwendiger ist, alles unter einen Hut zu bekommen, so ist der Outcome an mentaler Befriedigung sowie psychischer und körperlicher Gesundheit doch jeden Aufwand wert. Und die Sache mit der Sicherheit: Man gewöhnt sich daran. Und in einer agilen Welt sollten wir doch sowieso alle ein wenig mehr in der Lage sein, uns auf das Ungewisse einzulassen, oder nicht? 

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