„Wir bieten nette Kolleginnen und Kollegen, Flexibilität, frisches Obst und einen Kicker!“, heißt es mittlerweile oft in Stellenausschreibungen. Doch was bedeutet das? Was erhoffen sich die Unternehmen davon, einen Kickertisch ins Büro zu stellen? Und wieso wird es für Arbeitgebende immer schwieriger, gute Mitarbeitende zu finden und zu halten?

44% der sogenannten Millennials haben bereits ein Stellenangebot abgelehnt, weil die Unternehmenswerte nicht mit ihren eigenen übereinstimmten, belegte das Global Shapers Survey des Weltwirtschaftsforums im Jahr 2017. Millennials (auch gerne Generation Y genannt) sind laut der Wissenschaft und den Medien solche Menschen, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurden. Damit umfasst dies größtenteils die jungen und aufstrebenden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Die Idee hinter dieser Bezeichnung ist, dass Menschen einer Generation ähnlichen gesellschaftlichen Einflüssen ausgesetzt sind (etwa dem Mauerfall, der Euro-Einführung oder auch dem 11. September 2001) und dadurch einen ähnlichen Blick auf die Gesellschaft und das Leben entwickeln. Untersuchungen zeigen, dass Menschen dieser Altersklasse vermehrt nicht mehr nur nach einer gutbezahlten Arbeitsstelle suchen, welche sie möglichst lange (bestenfalls bis zur Rente) innehaben möchten. Vielmehr wird Wert auf persönliche Freiheiten gelegt, auf eine gute Work-Life-Balance und Weiterbildungsmöglichkeiten. Dies führt dazu, dass junge Mitarbeitende häufig nur wenige Jahre in Betrieben verbleiben und sich auch mit klassischen Gehaltserhöhungen nur schwer ködern lassen.

Als Reaktion auf diese Entwicklungen (die im Übrigen nicht nur die Generation Y betreffen – die Freiheitsgrade steigen auch in anderen Bevölkerungsgruppen), versuchen Unternehmen vermehrt mit Buzzwords in Stellenausschreibungen auf sich aufmerksam zu machen. Doch Worte wie „Flexibilität“, „Kicker“ und „frisches Obst“ sagen erstmal gar nichts über die Werte aus, die im Alltag im Unternehmen gelebt werden. Darf ich im Homeoffice arbeiten oder heißt „Flexibilität“, dass ich einmal im Jahr an Heiligabend eher gehen darf? Muss ich mich verpflichtet fühlen, jeden Freitag nach Dienstschluss noch mit der Chefin zu kickern oder gibt es tatsächlich einen Teamspirit, der das Team auch wirklich beflügelt?

Wir vertrauen Menschen und Institutionen, die wir einschätzen können. Wir müssen das Gefühl haben, dass wir uns auf sie verlassen können. Das gleiche gilt für Unternehmen: Menschliche Werte sollten den Mittelpunkt eines Unternehmens darstellen. Davon profitiert nicht nur die HR-Abteilung, sondern langfristig natürlich auch der Vertrieb. Für den Einstellungsprozess hat das ganz klare Konsequenzen: In Vorstellungsgesprächen sollte nicht nur die fachliche, sondern vielmehr die menschliche Eignung abgeklopft werden – fachliche Lücken lassen sich meist schnell schließen, wenn das Team gerne miteinander wächst und die Mitarbeitenden motiviert und sinnstiftend arbeiten.

Doch wie kommt man zu diesen Werten?

Immer wieder sehe ich, dass die Führungsebenen die Werte festlegen. Damit versuchen sie ihr Unternehmen so darzustellen, wie sie es gerne hätten. Werte wie „Wertschätzung“, „Zusammenhalt“, „Respekt“ und „Spaß an der Arbeit“ werden daraufhin großflächig an die Wand geschrieben – um auch jeden daran zu erinnern, falls es mal vergessen wurde. Doch dies führt oftmals eher zu Unmut als zu Freude bei den Mitarbeitenden, wird doch die Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität so nur allzu deutlich.

Werte müssen gelebt werden und aus dem Team heraus entstehen. Deshalb ist es relevant, diese mit dem Team zu entwickeln. Wahrscheinlich wird im Rahmen dieses Prozesses auch deutlich werden, welche Werte bisher nicht oder nur unzureichend gelebt wurden. Dies ist dann ein guter Moment, um genau daran zu arbeiten.

Erst nach der Ermittlung der Werte im ganzen Team des Unternehmens wird es möglich sein, eine Stellenausschreibung so zu gestalten, dass die richtigen Mitarbeitenden darauf reagieren. Und diese werden dann auch in der Probezeit oder in den ersten Jahren ihrer Zugehörigkeit zum Unternehmen sehen, dass die Ausschreibung nicht oberflächliche Buzzwords bediente, sondern tatsächlich die Werte des Unternehmens widerspiegelt, die auch gelebt werden.

Gleichzeitig hilft dieser Prozess der gemeinsamen Wertefindung auch in Bezug auf Teambuilding. Employer Branding im klassischen Sinne kann dazu führen, dass langjährige Mitarbeitende sich wenig wertgeschätzt und vielleicht sogar bedroht fühlen. Wenn sie jedoch aktiv in den Prozess einbezogen werden und das Unternehmen somit auch mitführen können, dann wird auch ihre Loyalität steigen.

Denn eines ist klar: Nicht alle Unternehmen und nicht alle Arbeitsstellen können Homeoffice garantieren. Es gibt einfach Jobs, in denen Anwesenheit zentral ist. Wenn nun aber Unternehmen von „Flexibilität“ schreiben und die Bewerberinnen und Bewerber ihre eigene Vorstellung von Flexibilität in dieses Wort projizieren, dann kann das nur zu Enttäuschungen führen. Das schadet dem Image des Unternehmens, kostet Geld und Zeit und führt zu verzweifelten Mitarbeitenden. Und wer Respekt leben möchte, der sollte den Bewerberinnen und Bewerbern genug Respekt entgegenbringen, ihnen möglichst transparent klarzumachen, was sie erwartet.

Wertebasiertes Employer Branding ist dabei nur ein kleiner Baustein eines wertebasierten Unternehmens. Sinnstiftende Arbeit lässt sich in allen Branchen umsetzen, wenn es gewollt wird. Soziales Miteinander und Nachhaltigkeit führt nicht nur zu besseren und glücklicheren Mitarbeitenden und einer loyaleren Kundschaft, sondern hat langfristig auch gesamtgesellschaftliche Auswirkungen. Und ich behaupte: Wir brauchen momentan nichts dringender als eine aktive, soziale und nachhaltig ausgerichtete Zivilgesellschaft.

Über die Autorin

Die Friedens- und Konfliktforscherin Merle Becker ist Gründerin von Wertschatz Kommunikation und berät soziale und ökologische Institutionen in Bezug auf Storytelling, Branding und Fundraising. Zudem unterstützt sie kleine und mittelständische Unternehmen dabei, sich wertebasiert und nachhaltig aufzustellen. 
Sie arbeitet als freie Moderatorin und Redakteurin und gründete 2013 die NGO academic experience Worldwide e.V. 2016 wurde sie vom Journal Frankfurt für ihre Arbeit unter die Top 30 unter 30 Frankfurterinnen und Frankfurter gewählt.

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