Verlorene Gesichter, Unsicherheit, Orientierungslosigkeit, Chaos. Junge Menschen, die nicht wissen, wohin mit sich, die nicht wissen, wo auf dieser verdammt großen Welt ihr Platz ist. Digitale Talente verloren in einer Umgebung, in der anscheinend niemand ihre Sprache spricht. Misfits durch und durch. Doch diese Misfits hier im Workshopraum in Köln sind anders. Diese hier sind nicht verloren, ängstlich und unsicher. Im Gegenteil. Diese Misfits sind wissbegierig, sie wollen lernen und lehren, wollen ihre Sprache sprechen dürfen und sie Menschen beibringen, die sie noch nicht kennen. Diese Misfits wollen etwas bewegen und da draußen sein um graue und eingestaubte Unternehmenskulturen aufzubrechen und ihnen neues Leben einzuhauchen. Denn das hier sind die Digital Misfits.

Ein Misfit macht sich auf den Weg

Wenn man den Begriff „Misfit“ mal durch den Google-Translator jagt, kommt das Wort „Außenseiter“ dabei raus. Im Kontext der Veranstaltung, die ich kürzlich besuchen durfte und die den Titel „Digital Misfits Barcamp“ trug, sind damit vor allem die Menschen gemeint, die mit der Digitalisierung aufgewachsen sind und genau wissen, was damit möglich ist. Die genau wissen, dass man durch Social Media, Blogs und Plattformen wie Google und Co. Möglichkeiten hat wie noch nie zuvor. Diese Digital Misfits sind digitale Talente, die sich darüber bewusst sind, dass es noch nie einen so einfachen Austausch zwischen Kunden und Unternehmen, zwischen Freunden, Liebenden, Gleichgesinnten egal wie weit weg oder wie orientiert gegeben hat. Und diese Menschen wissen vor allem, wie man dieses Wissen dazu nutzen kann, schnöde und alte Strukturen aufzubrechen und für Unternehmen einen riesigen Mehrwert zu schaffen. Klingt alles super soweit, wieso sind diese jungen und wissbegierigen Menschen denn dann „Außenseiter“? Im Digital Misfits Barcamp mit dem klangvollen Untertitel „War for Talents“ geht es genau darum. Digitale Talente arbeiten immer noch viel zu oft in Unternehmen, die das Potential dieses ominösen Neulandes „Internet“ immer noch nicht ganz begriffen haben oder begreifen wollen – und damit auch die Potentiale vieler ihrer Mitarbeiter. Gleichzeitig sind das auch oft die Unternehmen, die bei Lücken im Lebenslauf sofort den Reisswolf einschalten.

Da ich selbst genug von der Arroganz und Sturheit meiner Firma hatte, die sich als wahnsinnig modern schimpft und trotzdem noch mit Strukturen und Hierarchien aus der grauen Vorzeit arbeitet (aber Hauptsache englische Job-Beschreibungen), habe ich vor kurzem gekündigt und orientiere mich jetzt neu. Das Digital Misfits Barcamp schien mir daher genau die Veranstaltung zu sein, auf die ich Bock hatte. Schließlich bezeichne ich mich selbst als Social-Media-Freak und bin eines dieser digitalen Talente. Mein Mann hat mich darauf gebracht, denn er kennt die Veranstalter und führt hat an dem Tag selbst durch eine Session. Ich also hin, wissbegierig, neugierig, Bock auf alles, was ich an dem Tag wohl sehen und erleben würde. Und schon zu Anfang bin ich angefixt. Die kleinen Postkarten und Aufkleber mit der Aufschrift #makepurposesexyagain und #nodigitalbullshit sprechen mich direkt an. Kein Bullshit also, klingt vielversprechend. Dann mal rein ins Getümmel.

Verstehst du meine Sprache?

Es gibt ein kleines aber feines Frühstücksbuffet und Unmengen Kaffee, perfekt um bis zum Mittagessen durchzuhalten und genug Energie für all das zu tanken, was noch kommen würde. Die Veranstalter Hendric Mostert und Dennis Schenkel fordern uns zunächst dazu auf, uns in 2er-Gruppen zusammenzusetzen und uns innerhalb einer Minute ohne auf die Karte zu sehen, zu malen. Die picassoesken Kunstwerke, die dabei rausgekommen sind, werden kurz darauf an eine Wand gepinnt und das Eis ist gebrochen. Es folgt ein kurzer Einführungsvortrag der beiden, in dem schon haufenweise

Buzzwords fallen, bei denen ich hellhörig werde und schmunzeln muss, weil ich mich sofort aufgehoben fühlte, statt schief angeguckt, weil ich anscheinend eine andere Sprache spreche. Dabei haben Dennis und Hendric aber immer ein Augenzwinkern, weil sie sich darüber im Klaren sind, dass man mit dem mittlerweile recht ansehnlichen Wörterbuch der Buzzwords ein hervorragendes Bullshit-Bingo zusammenstellen könnte. Doch wie schon auf der Website der Digital Misfits beim Runterscrollen deutlich wird: „Yes, we love Denglish. Get over it!“ Glasklar und weiter geht’s. Es folgt ein interessanter Vortrag von Marc Wagner von Detecon Consulting, der über die Rolle digitaler Talente spricht und außerdem darüber, wie sich ein Unternehmen auch für diese neue Generation an Mitarbeitern neu organisieren kann. In seinem schwarzen Rollkragenpulli erinnert er mich unweigerlich an den allseits bekannten Visionär Steve Jobs – Zufall? Man weiß es nicht. Was ich aber weiß, ist, dass ich sofort Bock hab, in die Gesprächsrunden zu gehen, die sich selbst von den Teilnehmern organisiert formieren.

Von der Achtsamkeit und dem beachtet werden

Als der Titel der Session „Mindfulness Deep Work“, geführt von Mike Kaiser (ebenfalls von Detecon, die das Barcamp mit unterstützt haben) aufploppt, ist für mich klar, in welche Gruppe ich als erstes gehen möchte. Ich exe also noch schnell meinen zweiten Kaffee weg, schnappe mir noch ein Croissant und folge dem farbigen Tape auf dem Boden, das den richtigen Raum markiert. Dazu ein kurzer Exkurs, wieso mich gerade das angesprochen hat: Seit ich mit meinem Job so unzufrieden war, habe ich immer mehr nach innerer Ruhe gesucht. Die App Headspace hat mich das erste Mal so richtig ans Meditieren geführt und seitdem meditiere ich täglich. Mindfulness (Achtsamkeit) ist hier das Buzzword und tatsächlich hilft sie dabei, im Alltag ruhiger, klarer und fokussierter zu sein. Kann ich nur empfehlen. Genauso sieht das die Gruppe, in der ich jetzt sitze und allen voran natürlich Mike, der mit uns zum Anfang eine kurze 5-Sinne-Meditation zum Ankommen macht. Einmal kurz mit dem Raum, dem Boden auf dem meine Füße stehen und dem Stuhl auf dem ich sitze verbinden, Geräusche, Gerüche und Geschmäcker wahrnehmen und ganz auf die eigene Atmung hören. Jeder der bestimmt 15 Menschen in dieser Session macht mit und es ist still… Als Mike uns „zurückholt“ atmen alle entspannt aus und sind direkt voll im Thema. In einem sind wir uns alle einig. Unternehmen sollten ihren Mitarbeitern Achtsamkeits-Übungen anbieten und sie in den Alltag integrieren. Klarheit und Fokus sind doch etwas, das sich jedes Unternehmen für seine Mitarbeiter wünschen kann – oder etwa nicht?! Danach geht es weiter zur nächsten Session. Während von Markenidentifikation bis Personal Leadership alles mögliche gleichzeitig angeboten wird, habe ich mich zu Kienbaum gesellt. Die Beratungsfirma wurde schon 1945 (!) gegründet, aber verstaubt kann man den Ansatz des Teams, das sich in der Session präsentiert (bestehend aus Stephan Grabmeier und Tim Winter), absolut nicht nennen.

Sie beschäftigen sich heute vor allem damit, den Fokus für neue digitale Talente und damit potentielle Mitarbeiter auf die Inhalte zu richten, die sie mitbringen und fragen uns als Gruppe, wie man neue Talente vorbei am schnöden Assessmentcenter gewinnen kann. Und so lande ich zufällig in einer Gruppe zum Brainstormen in der ich tatsächlich die einzige bin, die keinen „klassischen“ Bildungsweg hinter sich hat. Ohne Ausbildung und Studium und frisch aus meinem selbstgekündigten Job raus, bin ich anscheinend ein exotisches Gewächs, das sofort ein bisschen ausgefragt wird. Gleichzeitig findet das vor allem der ältere Geschäftsführer einer größeren Firma neben mir sehr interessant, weil er sich selbst gefragt hat, wie man solche Menschen mit versteckten Talenten außerhalb des Lebenslaufs für die eigene Firma gewinnen kann. Die Session ist total interessant und ich könnte mich stundenlang weiterhin austauschen, aber bei 45 Minuten für Vortrag, Brainstorming und Präsentation ist dafür leider keine Zeit mehr. Trotzdem ein guter Denkanstoß.

Zum Mittag stopfe ich mich noch mit dem köstlichen libanesischen Essen vom Catering voll. Kulinarisch ist auf jeden Fall hervorragend für uns gesorgt. Das viele Denken und Reden und Begeistertsein von den Themen, die um mich herum auf diesem unfassbar bereichernden Barcamp rumwuseln, machen aber auch einfach verdammt hungrig. Ein kurzer Spaziergang um den Block in der kühlen Wintersonne für den noch kühleren Kopf und weiter geht’s. In der nächsten Session wird es persönlicher. Bei der Frage, welche negativen Erfahrungen wir oder Bekannte von uns schon in der Arbeitswelt gemacht haben, teile ich, wie mein Vater an Burnout erkrankte, meine Mutter vom gegenteiligen Boreout betroffen ist und dass ich unter anderem deshalb meinen Job noch mal komplett hinterfragt und schließlich gekündigt habe. Der Leiter der Session ist ein absoluter Freidenker, lässt sich nicht in Strukturen quetschen und macht schon seit Jahren erfolgreich sein eigenes Ding. Er schreibt gerade mit seiner Firma ein Buch darüber wie man heute arbeiten möchte – und wie nicht. Wie inspirierend! Der Austausch in der Runde macht riesig Spaß, die Teilnehmer sind von Mitte 20 bis Ende 50 und haben alle extrem bereichernde Erfahrungen aber auch Ermutigungen im Gepäck. Als die Session um ist, bin ich total beseelt und dankbar für den coolen Austausch.

Träume groß!

Nach ein paar Minuten geht’s auch schon zur letzten Session. Hier dreht sich alles um dieses eine ominöse Thema, von dem ich schon viel gehört habe, das mich total neugierig macht und das hier im Digital Misfits Barcamp bereits Gang und Gäbe ist: New Work.

Post-It’s, Stift und zack – an die Wand geklebt. Was ist New Work für uns? Was erwarten wir von unserer Arbeit? Wo, wie, was, mit wem möchten wir arbeiten? Und als der kunterbunte und wahnsinnig lebensbejahende New-Work-Cluster fertig ist, starre ich grinsend darauf. Noch nie war ich so begeistert von einer weißen Wand mit Post-It’s dran: „Mensch statt Funktion“, „Begeisterung statt Beförderung“, „Kultur vs. Struktur“, „flexible Zeitmodelle“, „mobiles Arbeiten“, „Sinn“, „Workation“, „Lebensentwurf statt Lebenslauf“… Ich freue mich einfach total darüber, dass DAS unsere Vision ist. Dass wir kollektiv genauso so ein Arbeitsumfeld schaffen möchten und fühle mich hier wirklich gut aufgehoben. Manch ein problemorientierter Mensch mag jetzt denken: „Workation blabla. Wünschen kann man sich viel, passieren wird das doch eh nicht. Ihr Millenials habt doch ein Rad ab.“ Aber an diesem Tag bin ich überzeugt davon, dass der Ruf und die Forderung dieser Wünsche nicht ungehört bleiben werden und etwas in so manch einer Chefetage ausgelöst wird. Das alles ist nicht umsonst UND es bewegt nicht nur Millennials, wie ich beim Austausch mit Menschen aus allen möglichen Altersklassen und Unternehmen merke. Das neue Bewusstsein bewegt jetzt schon ganze Ströme von Arbeitnehmern und -gebern und das wird auch so weitergehen. Mit diesen Gedanken und dem wohligen Gefühl der Erleichterung darüber, dass für mich joblosen und nicht klassisch ausgebildeten Digital Native doch noch Hoffnung besteht, ist das Barcamp schließlich vorbei. Eine kurze Feedbackrunde und ein kühles Feierabendbierchen und mein Mann und ich ziehen von dannen.

Wir wollen nach vorne

Die Inhalte, Gespräche und Bilder des Digital Misfits Barcamps haben sich in meinem Kopf festgesetzt, die unangreifbare Lust auf mehr Austausch, mehr Inspiration, mehr gemeinsames Wirken wird stetig größer und ich hab Bock auf diese geile Zukunft, die uns digitalen Talenten bevorsteht. Klar, es ist noch ein langer Weg, bis auch wirklich alle begriffen haben, wie wichtig digitales Know-How ist, aber ein Anfang ist definitiv gemacht. Und ich bin stolz ein Digital Misfit zu sein. Denn wir bringen vor allem eins mit: Wir haben Bock auf neues Arbeiten. Und neben Beanbags und free Food wie Simon Sinek in seinem Vortrag „Millennials in the Working Place“ augenzwinkernd mutmaßt, wollen wir vor allem nach vorne. Wir WOLLEN arbeiten, wir WOLLEN kreativ sein, wir WOLLEN wirken, vernetzen, bewegen und schaffen. Dass wir digitale Talente sind, hilft vor allem, unsere vielen großartigen Visionen und Ideen zu verbreiten und sie umzusetzen, sich darüber auszutauschen und die richtigen Partner in Crime für uns und jedes Unternehmen zu finden. Und die Unternehmen selbst? Einige verstehen das mittlerweile, zwar noch lange nicht genug aber immerhin einige. Sie entsorgen nicht mehr stumpf die Lebensläufe mit Lücken im Reisswolf. Sondern sie überlegen sich, was man mit den Lücken anfangen kann und was dieser unglaublich talentierte digital vernetzte und intelligente Mensch braucht, um gut arbeiten damit auch einen Mehrwert für das Unternehmen stiften zu können. Und DAS ist großartig und sollte so weitergehen. Das Digital Misfits Barcamp – War for Digital Talents hat genau diese „Außenseiter“ und Unternehmen zusammengebracht, nicht um Krieg zu führen, sondern um einen gemeinsamen Nenner zu finden. Und dieser gemeinsame Nenner ist größer, als man denkt. #nodigitalbullshit eben.

 

Über die Autorin

Nina Kummetz Brunetto ist leidenschaftliche Texterin und durch und durch Digital Native. Als Tochter einer Musikredakteurin ist sie mit allem rund um das Thema Popkultur aufgewachsen und kennt sich daher bestens in diesem Genre aus. 2014 ist Nina beim Fernsehen gelandet und hat dort seitdem als Storylinerin und Editorin Geschichten entwickelt, Drehbücher geschrieben und redigiert. Mittlerweile hat sie ihren Job beim Fernsehen an den Nagel gehängt und berichtet jetzt über alles, was sie interessiert und inspiriert. Das Thema New Work hat es ihr dabei ganz besonders angetan.

Kontakt: LinkedIn

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.