Dieser Artikel beleuchtet, warum wir bei der Nutzung eines strukturierten Prozesses zur Innovationserzeugung scheitern werden.

Seit dem Aufkommen der Betriebswirtschaftslehre strebt jede Organisation nach gesteigerter Effizienz. In Unternehmen ist es ganz natürlich, über ein gewisses Maß an Effizienz zu verfügen. Mit der Zeit steigt der Grad der Effizienz üblicherweise an – dank der Erfahrungen, die im Ablaufprozess gewonnen wurden. Zunehmend werden Prozesse etabliert, die zu immer weniger flexibel führen, aber die Effizienz zunehmen steigern. Soweit alle Unternehmen im Markt nach Effizenz streben, wird das effizienteste Unternehmen in Theorie die Markführerschaft erlangen.

 

Die Effizienz im Innovationsprozess

Diese Denkweise wird in Teilen auch auf den Innovationsprozess übertragen. Es wird versucht, durch das Einführen von Prozessen, immer mehr Effizienz bei der Generierung von Innovationen zu erreichen. Doch warum schaffen es einzelne Groß-Unternehmen so erfolgreich zu sein, während sich bei anderen Unternehmen hingegen kein Erfolg einstellen? Kann es überhaupt einen funktionierenden Prozess für die Generierung von Innovation geben? Gegenwärtig gibt es einen starken Trend oder sogar einen Hype, bei der Nutzung spezieller Methoden für die Innovations-Erzeugung. Methoden wie Design Thinking helfen Unternehmen dabei, durch eine benutzerzentrierte Sichtweise unbefriedigte Kunden-Bedürfnisse zu identifizieren und passende Produkte oder Services zu entwickeln. Diese oder ähnliche Methoden versprechen eine planbare und steuerbare Umsetzung für Innovation. Und dieses Versprechen können sie auch erfüllen – wenn sie richtig angewendet werden. Kritisch wird es, wenn Unternehmen das Effizienzdenken auch auf Innovationsmethoden anwenden. Innovation kann nur durch explorative Tätigkeiten zur Identifizierung von Potentialen zielgerichtet vorangetrieben werden. Es lässt sich bei diesen Maßnahmen jedoch nur schwer abschätzen, wieviel Zeit, Fachwissen oder Kapitaleinsatz zum Erreichen der Ziele notwendig ist. Das effizienzorientierte Denken ist so tief in den meisten Unternehmen verankert, dass das Ausbrechen aus bestehenden Denkmustern sehr schwer fällt. Wichtige Maßnahmen zur Entwicklung von Innovationen werden beschnitten und oft im Keim erstickt. Kurzausflüge in die Welt der Innovation, wie die üblichen einwöchigen Design Thinking Sprints mit „Out Of The Box Thinking“ und einer anschließenden Rückkehr in gewohnte Prozesse, erzeugt keine Innovation.

 

Innovation beginnt im Verstand

Es gibt viele Punkte und Bereiche in unseren Leben, die deutlich besser laufen könnten. Zum Beispiel mäßig gestaltete Produkte oder Services die keinen großen Mehrwert bieten. Für Unternehmen wäre es ein Leichtes, diese Missstände zu identifizieren und zu beheben. Doch was passiert? – Nicht viel! Für mich liegt dies in der Natur der Sache selbst. Innovation heißt Erneuerung und diese Erneuerung muss zuallererst im Verstand beginnen. Unternehmen streben nach Planbarkeit, jedoch ist Innovation nicht planbar. Innovation ist eher vergleichbar mit dem Entdecken unbekannten Terrains. Da Innovation nicht planbar ist, stellt sich jedoch eine wichtige Frage für Unternehmen: Wie kann ein Entscheider die Aufwände für Innovation rechtfertigen, wenn der Output unbekannt ist? Und hier kommen die Prozesse für Innovation besonders zu tragen. Entscheidungen können gerechtfertigt werden, indem Methoden verwendet werden, die in vergleichbaren Fällen akzeptable Ergebnisse erzielt haben. Genau dies geschieht gerade im Bereich des Innovationsmanagements in einem riesigen Ausmaß. Doch führt der Einsatz der Methoden nicht zwingend zum Erfolg. Für einige Unternehmen ist die reine Anwendung dieser Methoden zwar schon ein enormer Fortschritt – trotzdem vergrößert sich der relative Abstand zu anderen Unternehmen. Denn der Versuch eine Planbarkeit zu erzielen limitiert bereits den Output. Unternehmen müssen verstehen, dass ein Teil ihres Geschäftes immer unplanbar sein wird und stattdessen explorativ, erfinderisch und kreativ bleiben muss. Dies ist auch der Grund, warum Unternehmen die dieses Dilemma verstanden haben, ihre Innovationsabteilungen, Acceleratoren und Inkubatoren aus der eigenen Unternehmensstruktur ausgliedern. Sie geben ihnen den nötigen Freiraum, den sie für ihre Aufgabe brauchen. Und trotzdem sind diese Einheiten oft nur Mäßig erfolgreich. Zumeist weil das gleiche Mindset aus dem Mutter-Unternehmen auch in diesen neuen Organisationseinheiten weitergelebt wird.

 

Fehlerhafte Ressourcenallokation als Innovationsbremse

Restriktionen in Form von Zeit, Geld und fehlendem Verständnis der Entscheider sind einige der Kriterien, die Innovation im Unternehmen blockieren. Wenn zur Klärung einer wichtigen strategischen Frage nur wenige Tage zur Verfügung stehen, liegen die Prioritäten zum Einsatz von Ressourcen grundlegend falsch. Ich bin davon überzeugt, dass Unternehmen nur dann erfolgreich sein können, wenn sie erkennen, dass Innovation nicht durch Struktur und im Rahmen von vorgegebenen Ressourcen erzeugt werden kann. Unternehmen würden sich selbst und auch ihren Kunden einen großen Gefallen tun, wenn sie ihre Strukturen überwinden und akzeptieren, dass Innovationmethoden am besten wirken, wenn die Durchführenden sich ohne Limitationen frei im Untersuchungsfeld bewegen können. Erst wenn das Unternehmen den Willen hat, voranzuschreiten und der erste auf neuem Terrain zu sein, kann wirklich Innovation entstehen. Erst wenn Unternehmen akzeptieren, dass Ergebnisse und gewonnene Erkenntnisse von den Erwartungen abweichen werden, ist der Verstand offen genug für wahre Innovation.

 

Über den Autor

Volker Schmidt ist Design Thinking Coach und Innovationsexperte. Er interessiert sich vornehmlich für die Faktoren, die auf Innovation und Kreativität begünstigend einwirken. Neben dem methodischen Fachwissen verfüg er über eine breite Praxiserfahrung beim Durchführen von Design Thinking und ist besonders bei weltweit agierenden Großunternehmen aktiv. Durch seine berufliche Nähe zu den digitalen Technologien, verbindet er bei seinen Kunden konzeptionelle Ideen mit der technischen Realisierung.
Kontakt: LinkedIn
0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.